Blaue Agnes

Als Jörg Kohler, der Wächter des Sinwelturmes, spät am Abend aus der Stadt zurückkehrte, fand er vor der Türe seines Stübchens ein Mägdlein in einem blauen, zerschlissenen Kleide auf der Schwelle liegen.

Er hob es auf und trug es in seine Kammer. Das Kind lehnte sich wie tot an seine Schulter und erst als er Ihm mit frischem Wasser die Schläfen gekühlt hat, schlug es die Augen auf und fragte erschreckt:" Wo bin ich ?" Jörg Kohler tröstete des Mädchen, kochte ihm süßen Brei und legte es auf eine weiche Decke. 

Als es gegessen und sich erwärmt hatte, wurde es gesprächig und fragte nach den Dingen und Gerätschaften, die da in der Türmerstube lagen oder an den Wänden hingen. Doch auf alle Fragen des Alten gab das Kind bloß eine Antwort: „ Das weiß ich nicht!"

Nur als Jörg Kohler wenigstens den Namen der Gefundenen wissen wollte, da bat sie Ihn: „Nenne mich Agnes!" Er nannte sie Agnes und pflegte sie wie eine Tochter, weil niemand sich fand, dem das Kind angehörte.  

Und Agnes diente ihm viele Jahre. Ihre liebste Beschäftigung war es, am Webstuhl zu sitzen, den ihr der Türmer selbst gezimmert hatte und wenn sie webte, wurde als Garn immer blau. Deshalb trug sie auch nur blaue Kleider und alle Leute nannten sie bloß die „blaue Agnes".

Gern stand sie auch am Fenster und ließ sich von dem Türmer allerlei von der Stadt da unten erzählen. Sie freute sich, wenn sie die kleinen Leutchen in den Straßen geschäftig hin- und hereilen sah   ....

Eines Tages aber war ein Brand in Nürnberg ausgebrochen. Von allen Türmen ertönte die Hornsignale. Nur auf dem Sinwel blieb es stille. Nun mußten gleich einige Stadtsoldaten in die kleine Türmerstube dort oben hinaufsteigen, um nach Jörg Kohler, dem säumigen Wächter, zu sehen. Als sie die Türe öffneten, fanden sie den Alten tot auf seinem Stuhle sitzen.

Die blaue Agnes aber war verschwunden. Trotzdem hörte man noch vieles von ihr; sie kam künftig als ein gütiger Geist zu jedem Turm, der in Nürnberg stand, und war fleißig und gut zu den Wächtern. Sie fegte die Treppen und schuf Ordnung in den Stuben, doch hat sie niemand dabei gesehen. Man hörte sie nur in den Nächten und fühlte ihr heimliches Walten.

Wenn Brand in der Stadt ausbrach, kündete die blaue Agnes das Unglück schon immer vorher an; dann ließ sie das Feuerhorn an der Wand hin und herbaumeln und weckte die müden Turmwächter, wenn sie die Wachzeit verschliefen.

 

Signalhorn

So wirkte sie wie ein guter Geist und wurde von den Türmern wie eine Heilige verehrt.

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