Brand im Lederer-Vierteln " 16.Juli 1645 "

 Ausschnitte aus einem Aufsatz

von Helmut Adler

über den Brand im Ledererviertel

Den 16. July ist umb Mitternacht in der Obern Ledergaßen beym Kornmarckt [heute: Josephsplatz] eine große Feuersbrunst entstandten und innerhalb 8 Stunden 32 haußer auff den grund abgebrunnen, ohne was sonsten vom Feuer allbereit ergriffen und verwüstet worden. 2

Eine andere Chronik:

(...) ein unversehenes Fewer außkommen, welches so schnell überhandt genommen, daß [es] halt nicht zu erlöschen war, und brannte 2 Täg und 2 Nächt, und war das Fewer so groß, daß daß Bley in den Häusern gegenüber an Fenstern schmelzte und fuhren die glühende Lohballen in die Höhe und weit auf andere Häuser, also daß die Leuth Wasser auf die Böden tragen mußten. (StAN,Rep.52a,Nr.172 Blatt 88v-89r "12 Personen gefährlich verwundt") 2 

 

Lederer Viertel

 

Die Kraft des Feuers (so der Bericht) erzeugte einen gewaltigen Funkenregen (Flugfeuer wegen Thermik) welcher, verbunden mit großer Strahlungswärme (Selbstentzündung), dazu führte, dass der Brand sich weiter ausbreiten konnte. Die angrenzenden Häuser, ja ein ganzer Straßenzug wurden von den Flammen erfasst. Das Ledererviertel war in höchster Gefahr, ein zerstörerischer Stadtbrand drohte.

(...) die dachrinnen, Ercker und balken mit gewallt anfingen zu brennen, also daß man nur genugsam mit denselbigen zu thun [hatte], damit sie (...) erettet wurden, und liß under dessen das andere brennen. (AvN,Fl,Nr.44 Seite 335). 2

Den 17. Juli ohngefähr 3 oder 4 Stunden Tags, ist in er vorderen Ledergasse, am Kornmarkt in des Johann Gablers, Rotgerbers Behausung ein Feuer ausgekommen, welches dermaßen überhand genommen, daß innerhalb 8 Stunden 24 Häuser völlig von Grund aus abgebrannt und noch 8 Häuser vom Feuer ergriffen, welche aber gerettet worden, solches Feuer hat dieselbe halbe Nacht und den folgenden Tag gewährt. 3

Zwei Tage und zwei Nächte (nach 2) kämpften die Löschkräfte gegen die Flammen, sie müssen sehr erschöpft gewesen und an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gelangt sein, denn zu den Nachlösch- und Aufräumarbeiten erbat das Ledererhandwerk vom Rat den Einsatz aller Hauptmannschaften I damit die Glut „under dem Zusammen gefallenen gemeuer völlig gelöschet werden möge"2.

Zusammengefallen oder niedergerissen (was vermutet werden darf), denn anders konnte man trotz vorhandener Spritzwerke dem Flammenmeer damals nicht Herr werden.

Wenn wir zudem noch berücksichtigen, dass die betroffenen Lederhandwerker mit ihren Gesellen bei Feuersnot zum Wasserschöpfen (in die Behälter der Feuerkufen, vom Fischbach und an den Pegnitzeinläufen), zum „Feuergehorsam" verpflichtet waren, kann man sich vorstellen, dass sich nicht ausreichend Löschpersonal für diese wichtige Aufgabe eingefunden haben mag. Erklärlich, denn es wird wohl so gewesen sein, dass die Betroffenen zuerst ihr eigenes „Hab und Gut" zu retten versuchten und deshalb als Wasserschöpfer weitgehendst ausfielen.(Vor allem, die Nähe der Ledererhäuser zum Wasser, speziell zum Fischbach dürfte sich bei der Löschwasserversorgung sehr günstig ausgewirkt haben) Ebenso die eingeteilte, die verpflichtete Pumpenmannschaft, auch sie bedurfte dringend der Ablösung und Erholung. Hilfe und Ersatz von außerhalb waren nicht zu erwarten, denn es herrschten Krieg und allgemeine Not, auch in der alten Reichsstadt (Nürnberg, jede Stadt, war im Brandschutz schon seit jeher auf sich alleine gestellt).

Dieser missliche Umstand (30jähriger Krieg) sollte in der Nachbetrachtung des Brandunglückes nicht völlig unberücksichtigt bleiben.

Notzeiten, das wissen wir, gebären nicht nur Destruktives. Die ständige Bedrohung von Außen (umherziehende, feindliche Heere, aber auch marodierende Söldnerbanden und Brandschatzungen), mag mit dazu beigetragen haben den Zusammenhalt der Bewohner, der Stände untereinander zu stärken, sie fester aneinander zu binden. Die komplexe, engagierte und letztlich auch erfolgreiche Arbeit der Löschorganisation war nur zu erbringen, wenn alle Beteiligten (ständische Stadtgesellschaft, oligarchische Patrizierherrschaft) das Wohl des Gesamten (gemeint ist die Stadt als Ganzes) reflektierten.

Von sozial motivierten Spannungen während der Lösch- und den Aufräumarbeiten jedenfalls wird nicht berichtet, das war in Nürnberg nicht immer so. Bericht (1506 brande das Herrenlederhaus, ebenso das städtisches Bräuhaus):

12.März am Tag Gregori, eine Viertelstunde in der Nacht ist das gemeine Bräuhaus bei der Almosmühle sammt einem Lederers Haus völlig abgebrannt. Das Feuer kam aus einem Eckhaus in dem kleinen Büttnerhäuschen, da die Büttner ein Faß geeicht und haben das Feuer nicht richtig herausgetan, so ist auch alles Zeug mitverbrannt und es war niemand der löschen täte, sondern jedermann sprach, laß brennen denn es gehört den Herren, weil sie damals Bier sieden, aber nach diesem Schaden haben sie wiederum aufgehört. 3 (Hervorgehoben von H.A.)

Auch dürfen wir nicht glauben, daß den gegebenen sehr vernünftigen Vorschriften stets pünklich und gewissenhaft Folge geleistet wurde. So einmal im Jahre 1506, als das sog. Herrenlederhaus abbrannte, scheint es recht unordentlich zugegangen zu sein. Die Leute wollten nicht Löschen und die Feuerherren wurden vom Rat angewiesen, sich die Feuerordnung anzusehen, "damit eß hinfüran desterpaß ordnung gehalten werde." 4 (Hervorgehoben von H.A.)

„Jedermann" und „die Leute", sicherlich darunter auch mancher (zum Feuergehorsam) Verpflichteter, der nicht löschen wollte. Was geht's mich an, was hab' ich damit zu tun - hier (1506) äußert sich ein partikulares Bewusstsein, welches 140 Jahre später so nicht mehr angetroffen wurde.

Bedeutsam, denn ein Merkmal beschreibt das mittelalterliche Löschwesen Nürnbergs sehr trefflich und markiert gleichzeitig den Unterschied zur neuzeitlichen Feuerwehr.

Es war dies die Notwendigkeit, geboren aus dem Zwang der Verhältnisse, neben den eingeteilten, verpflichteten Löschkräften (meist Handwerker) immer auf die Hilfe der gesamten Bürgerschaft angewiesen zu sein. Die Stadtgesellschaft insgesamt musste zur Brandbekämpfung mobilisiert und im Interesse der Sicherheit bei einem größeren Feuer auch unter Kontrolle gehalten werden. Alle mussten also beim Beseitigen der schlimmsten Not mit Hand anlegen. Ebenso erkennt man, dass Zwang und Reglementierung vonseiten des Nürnberger Rates IV im Löschwesen nicht als brauchbares Mittel der Mobilisierung angesehen oder eingesetzt wurde.

Da bewirkte Verköstigung und Bezahlung der Helfer schon Besseres und es zeigte sich wieder einmal, dass es neben den Verlierern, den Brandgeschädigten auch stets Profiteure gab (Der Rat befürchtete eine weitere Beschwerung der Bevölkerung, wenn „Gott die armeen marche von hiesiger Statt nicht abhalten sollte" französische, schwedische u. bayerische Truppen in Franken. 2. In der Endphase des Dreißigjährigen Kriegs operierten zunehmend), denn mit dem Feuerlöschen wurde stets Geld verdient und das nicht zu wenig. (Verfiel man auf die für die sozialen Verhältnisse des Mittelalters nahezu abenteuerlich anmutende Regelung, Knechte anteilmäßig am Gewinn ihrer Arbeitgeber zu beteiligen: Jeder Lohnkecht, „der mit seins herren oder meisters pferden wasser zufüren wirt, der sol haben den vierden pfennig von dem gelt" - das ist also eine Gewinnbeteiligung von 25 Prozent! (Dr. W. Lehnert)

Der Rat hatte Bedenken wegen der bisher schon stark beschwerten Bürgerschaft, stellte aber ein gütliches Ansprechen der Leute anheim und zweifelte nicht, daß viele „auß Christlichen Mitleiden" ihre Hand bieten werden. Er wollte in diesem Sinne auch selbst auf die Viertelmeister einwirken (StAN,Rep. 60a,Nr.2307;Blatt 62v-63r).

In einer Chronik liest sich das so: ,,... hat auf ansinnen eines Ehrenvesten Raths die Burgerschafft sich freywillig erbotten, behülfflich zu seyn, und seynd alle Tage zwei in [= bis] 3 Haubtmannschafften angeführet worden ..., manche aber haben ein Stuck Geld dafür gegeben, davon die RotgerberVI, welche das Directorium darüber gehabt, noch [zusätzlich] ethliche starcke Männer mit angestellt" 2

Zu Abräumung nun solcher Brandstätte, damit sich nicht ferner Unheil erregte, hat auf Ansinnen eines Ehrbaren Rats die Bürgerschaft sich freiwillig erboten, behilflich zu sein und sind alle Tage 2 oder 3 Hauptmannschaften angeführt worden, da entweder ein Pferd geschafft der seine Dienstboten oder jemand anders zur Fronarbeit angewiesen, manche aber haben ein Stück Geld dafür gegeben, davon die Rotgerber, welche das Direktorium darüber gehabt, noch über die vorgemeldte etliche starke Männer mit angestellt und der Arbeit gepflogen und also das gemeine Volk gar willig gemacht. Es sind noch durch Waldamtleute alle Markttage die herein kommenden Bauern zum Fronen angehalten worden, dazu hat man da Wägen aus der Peunt genommen und ist also der Platz innerhalb 3 Wochen gesäubert und abgeräumt worden, das sonsten wohl nicht in einem halben Jahre möglich gewesen. 3

Die Suche nach den Schuldigen der Brandkatastrophe stand, nicht anders als heute, abschliessend an.

Der Rat beschloß, „die alte Handlung [= Akte] auffzusuchen und nachzusehen, was die Ursach dessen gewest sein möge" (StAN,Ratsverlaß 19.Juli 1645)

Das Verhör aller Abgebrannten und Nachbarn ergab „ein einhellig außagen, daß diese brunst in Sabine, Georg Gablers seel. Wittib hauß am ersten entstanden" (Bild Lederer Brand).

 

Lederer Viertel

 

Darauf wurden die Feuerschauer und Schlotfeger nach dem Zustand des dortigen Schlots gefragt und ob sie ihn etwa gar beanstandet und die Gablerin gewarnt hätten. Alsdann sei „sie, Gablerin, sambt ihren Kindern und Ehehalten nochmahls zu erfordern [= vorzuladen] und mit ernster betrohung zu red [zu] setzen, wie das feuer auskommen seye" (StAN,Ratsverlaß 29.Juli 1645) 2

Neben den Gablers (sie gehörten zu einer der bekanntesten und angesehensten Ledererfamilie Nürnbergs) wurde auch das Verhalten des Türmers auf dem Weißen Turm geprüft und gerügt:

Den Thurner auff dem Weissen thurn, welcher männiglichs bericht nach nicht zu rechter Zeit angeschlagen oder die leuth auffgewecket, soll man in das Loch schaffen. (StAN,Ratsverlaß 29.Juli 1645) 2

Der Anschicker VII auf der Peunt wurde ebenfalls genauest befragt, denn schon vor dem Brand waren dem Rat Klagen zu Ohren gekommen:

(...) daß viele der Feueraymer sehr schadhafft gewest und fast nicht gebraucht werden können, sodann, daß das Spritzwerkh nicht zugerichtet gewest und also auch schlechten effect gethan. (StAN,Ratsverlaß 29.Juli 1645) 2

Der Anschicker verweist auf fehlende Brandmauern, als reine Ablenkung (wie E. Mulzer annimmt) darf dieser (fachmännische) Hinweis aber nicht gewertet werden. Ablenkend empfahl er, die Feuerordnung zu verbessern, „damit es bey Künfftigen fällen mit der rettung etwas richtiger daher gehe". Der Rat befahl daraufhin den Feuerherrn, über die Ordnung zu ratschlagen und „insonderheit in acht zu haben, wie doch aller orten, so viel thunlich, zur verhütung dergleichen Künfftiger Feuerschäden Giebelmauern [= Brandmauern] auffgeführet werden" Damit war man der Wurzel allen Übels ganz nahe gekommen. Aber die Einschränkung „so viel thunlich" sagt schon genug: Wie hätte man in die Unzahl von Häusern, die nur mit Fachwerkwänden aneinandergrenzten, nachträglich solche Mauern einbauen sollen? 2 

E. Mulzer beschreibt an anderer Stelle selbst, dass die Lederer und die Weißgerber Mangels Trockenplätze in der Stadt, ihre Häuser aufstockten (Bild Lederer Brand 01) und damit nicht nur erhöhten, sondern luftdurchlässige Trockenplätze auf den Dachböden errichteten. Diese oft aus Holz hergestellten Erweiterungsaufbauten (Bild Lederer Brand 04) setzten die Giebelbrandmauern und deren feuerhemmende Wirkung außer Kraft und förderten somit die Ausbreitung der Flammen, denen auch mit einem gut funktionierenden Spritzwerk und Wenderohr von der Straße aus, nicht beizukommen war.

Vorschläge bessere Spritzwerke anzuschaffen gab es einige, mehr als ein Jahrzehnt (!) nach dem Brand von dem wohl berühmtsten Zirkelschmied Nürnbergs.

Hautsch

1658 machte Hautsch eine Eingabe (ohne Datum) an den Rat, wobei er unter Hinweis auf den grossen Brand in der neuen Ledergassen die Mängel der bisherigen Spritzwerke anführt. Insbesondere seien dieselben zu schwach, gehen nicht hoch genug, sodass der Wasserstrahl in der Luft zerstäubt, bevor er den Brand erreicht, wie die Herren Feuerdeputierten selbst gesehen haben. Er bittet, mit seinem grossen Werk zugleich mit den vorhandenen beiden besseren Peuntwerken eine Probe im Rathaushof vornehmen und etliche Spritzen in verschiedenen Grössen anfertigen zu dürfen. (...) Ob nun Hautsch für die hiesige Stadt eine Spritze angefertigt hat, ist sehr unwahrscheinlich, für auswärts lieferte er mehrere Spritzen. Bei der damaligen traurigen Zeitlage infolge der Nachwehen des 30jährigen Krieges hat es jedenfalls an den nötigen Geldmitteln für solche Anschaffungen gefehlt.

Diese Annahme wird auch dadurch bestätigt, dass ein Sohn des im Jahre 1670 verstorbenen Hautsch in einer Eingabe vom Jahr 1698 auf die Unvollkommenheit der vorhandenen Löschgeräte hinweist. Er erwähnt dabei, dass von zwei Spritzen bei dem letzten Brand eine wohl Mass gehalten, die andre das Eckhaus nicht getroffen hat. Hautsch bittet, mit seinen Brüdern eine grosse Feuerspritze anfertigen zu dürfen. Ob dieser Bitte entsprochen wurde, ist nicht wahrscheinlich. 5

Geldmangel alleine reicht nicht, um die ablehnende Haltung des Rates zu erklären.

Zu bedenken ist, dass Nürnberg (hoch entwickelt war in Nürnberg etwa ab Mitte des 15. Jahrhunderts das Gewerbe, insbesondere die Metallbearbeitung) schon seit mehr als 50 Jahren (lange vor der geschäftstüchtigen Familie Hautsch) Feuerspritzen selbst herstellte, IX verkaufte und erfolgreich exportierte.Die Produkte aus Nürnberg hatten einen guten Ruf, den es zu bewahren galt. Spritzwerke waren zum Zeitpunkt des Großbrandes in der Stadt genügend vorhanden:

Gegen Mitte des 17. Jahrhunderts waren jedenfalls acht Spritzenwerke vorhanden. Ein Ratserlass vom 17. September 1644 verfügt nämlich auf einen Antrag: „Die Spritzenwerke von der Peunt in die 8 Stadtviertel zu verteilen, dass dieselben in der Peunt zu belassen sind." Begründet wurde dies dadurch, dass die Züge der Spritzenwerke mit Leder gefüttert sind und deshalb Sommer und Winter mit Wasser gefüllt sein und in der Wärme gehalten werden müssen. 5

Weitere Spritzwerke anzuschaffen ergaben keinen Sinn. Vom erhöhten Aufwand der umfangreichen Pflege einmal abgesehen, ließ sich das (benötigte) Löschwasser Herbeischaffen ebenso wenig steigern, wie die Pumpmannschaften und ihre Reserven nicht unendlich vermehrt werden konnten. Die vorhandenen acht Werke genügten durchaus.  

Auch die Hautsche Pumpe mit ihrem Windkessel, brachte bei damalig angewander Löschtaktik (von der Straße aus auf die Dächer spritzen) keine Vorteile, trotz oder wegen ihrer neuartigen Technik. Erst die Einführung lederner Druckschläuche ("In Nürnberg ohne Zweifel gegen Ende des 17 Jh." 5) ermöglichte es, einen wirkungsvolleren Innenlöschangriff (vorgetragen mit den großen Pumpwerken) durchzuführen. Die deshalb (der Schläuche wegen) so genannte "Schlangenspritze" XIersetzte aber nicht sofort (in Nürnberg jedenfalls)  die bis dahin übliche Löschtaktik, mit Handspritzen möglichst nahe an den Brandherd zu gelangen, um dann gezielt und effektiv die Flammen bekämpfen zu können. Beide Löschmethoden wurden jedenfalls noch sehr lange Zeit nebeneinander herXIII praktiziert.

Um der enormen Wärmestrahlung (bis etwa 600° C.) nicht direkt ausgesetzt zu sein, suchten die Löschkräfte Schutz hinter Wänden oder in Nischen und spritzten salopp ausgedrückt, um die Ecke. Deshalb waren einige der Handspritzen mit kleinen (verstellbaren) Gelenken, Wenderohren versehen.

Dagegen hätten einige Bürger „Spritzen mit schnebeln gehabt und selbe mit guten nutz bey dieser brunst gebraucht". Man erinnerte sich auch an den Uhrmacher Endres Landeck, dem früher die Herstellung solcher Spritzen aus Messing verwehrt worden war. Der Rat beschloß, „die alte Handlung [= Akte] auffzusuchen und nachzusehen, was die Ursach deßen gewest sein möge". (StAN,Ratsverlaß 19.Juli 1645) 2

Schließlich erfuhr auch der Uhrmacher Landeck noch Genugtuung: Der Rat ließ von den Rugsherrn die verschiedenen Spritzen begutachten und wollte wissen, ob man nicht von Landecks „Spritzen mit Schnäbeln und Ventilen" eine Anzahl für die Peunt machen lassen solle. (StAN,Ratsverlaß 29.Juli 1645) 2

An der Kritik schadhafter Löschgeräte hingegen, braucht man nicht zu zweifeln auch wenn eine Anzahl lederner Feuereimer (zur erneuten Verwendung wurden die leeren Eimer einfach auf die Straße geworfen) sicherlich erst im Löscheinsatz beschädigt wurden.

Es ist anzunehmen, dass sich gegen Ende des 30jährigen Krieges  wohl Einiges in der Stadt und im Bauhof nicht im besten Zustand befunden haben dürfte, trotzdem wird berichtet:

Inzwischen hatte das Bauamt 866 fl. Unkosten zusammengezählt. Am teuersten kam das Ausflicken und Zuschmieren der vielen „zerworfenen Feueraimer", woran allein acht Schuster arbeiteten. Auch an den Wägen war zu bessern und an 24 Spritzen etwas anzulöten. Unabhängig davon rechnete das Amt diesmal mit weit mehr als 200 fl. „Feuerentgelt" für die Helfer - nicht zuletzt, weil seiner Meinung nach viele, „die nur unter dem Volckh gestanden und zugeseen, jetzt aber zu dieser bezahlung erscheinen". 2

Dem Autor ist nicht bekannt ob Versäumnisse des Bauamtes (der Anschicker hatte auch im Brandschutz eine wichtige Funktion) oder Verstösse im Baurecht XV bei den Hausumbauten der Lederer vorlagen. Es könnte doch sein, dass der (Baumeister) Rat Mißstände im Bauamte sehr wohl, Unterlassungen in der Brandbekämpfung aber nicht unmittelbar zu verantworten hatte. Zieht man Resümee, so kann es aber weder an den schadhaften Löscheimer, noch an nicht hoch genug reichende Löschfontänen der Spritzwerke gelegen haben, dass das Feuer so auswachsen konnte. Auch von Mangel an Löschwasser wird nicht berichtet, im Gegenteil es wurde Wasser auf die Dachböden getragen, um dort mit Handspritzen im "Innenangriff" Entstehungsbrände abzulöschen und damit die (auch heute noch) wirkungsvollste Art der Brandbekämpfung zu praktizieren.

 Das Flugfeuer, der niedergehende Glutregen, brachte die Gefahr neuer, nicht mehr zu beherrschender Brände in der Stadt, auch diese konnte abgewendet werden.

Der Türmer mußte für seine Verfehlung büßen. Nur - ein früheres Erkennen und Alarmieren hätte das große Schadensfeuer wohl auch nicht mindern oder gar verhindern können.

 Das Löschwesen der damaligen Zeit war gar nicht imstande so schnell zu reagieren, um z.B. einen Entstehungsbrand frühzeitig einzudämmen, auf seinen Herd begrenzen zu können.

 Um das Feuer vom Weißen Turm, von der Türmerstube aus zu erkennen , mussten die Flammen weit sichtbar (also schon ein sehr entwickelter Brand) sein.In der Nacht ist der Brandrauch ja nicht sofort zu sehen, die Stadt (allerdings der Türmer vermutlich auch) ruhte zu dieser Stunde im wahrsten Sinne des Wortes.

Feuermeldestationen und ständig abrufbereite Löschmannschaften (Feuerwachen) kannte man im 17. Jh. noch nicht. Auch nach dem Alarmschlagen verging noch eine ganze Weile bis die Löschmannschaften an der Brandstätte eintrafen.

Man bedenke nur, dass erst die Pferde aus den Stallungen geholt und eingespannt werden mussten. Die Pumpwerke aus der Peunt und die Feuerkufen (auf hölzernen Schlitten montiert und in der ganzen Stadt verteilt) wurden herbeigeschleift und dies in einer nachtdunklen Stadt, die erst erweckt und spärlich erleuchtet wurde. Da verging viel Zeit in der sich die Flammen ungehemmt weiter ausbreiten konnten.

Unvorteilhaft die mangelhaften Bauweise, speziell die fehlenden Brandmauern der hölzernen Dachaufbauten. Hinzu kommt noch die enorme Brandbelastung XVI der Ledererhäuser (das waren Produktionsstätten und Wohnhäuser in Einem). Die in den Werkstätten gelagerte Eichen- oder Fichtenlohe, Fischtran, Fett und Talg stellten eine große Herausforderung ans Löschen mit blankem Wasser (mit Löschwasserzusätzen wurde erst gegen Ende des 18. Jh. experimentiert) dar.

Die Flammen breiteten sich über die Dächer, von Haus zu Haus immer weiter aus und die Löschkräfte konnten es vermutlich nur durch Niederreißen ganzer Bauteile (z.B hölzerne Giebelwände, Aufbauten etc.) zum Stehen bringen. Die Bauhandwerker waren gefordert, denn erst eilig geschaffene Brandschneißen konnten den Flächenbrand stoppen Verhindert konnte auch werden, dass durch Flugfeuer neue Brandherde im Rücken der Löscharbeiten zu einem verheerenden Stadtbrand (noch im 19. Jh. brannte z.B. Hamburg  nieder) zusammenwuchsen.

Alles in allem war es der Löschorganisation Nürnbergs, trotz der imensen Zerstörungen im Ledererviertel, wieder einmal (auch in früherer Zeit wurden bei Großbränden in Nürnberg ganze Straßenzüge eingeäschert) gelungen, einen Alles vernichtenden Stadtbrand abzuwenden, doch eine Frage bleibt.

Hätte die althergebrachte Löschorganisation Nürnbergs einer dringenden Reform bedurft? Eine bessere (dezentrale) Stationierung der Spritzwerke z.B.? Gar technisch erneuerte, wie Hautsch sie anbot?

Unterschiedliche organisationstechnische Vorstellungen scheint es gegeben zu haben, der Ratserlass (siehe Seite 5) vom 17. Sept. 1644 deutet darauf hin.

Wie willkommen war die Katastrophe für diejenigen, deren Vorschläge nicht berücksichtigt wurden? Wir kennen ja die verschnupfte Reaktion, die sich in die Worte:"habe ich doch gesagt, auf mich hört ja niemand" kleidet. Sehr schnell wird so ein Unglück für Anderes instrumentalisiert, auch damals kann das so gewesen sein.

Ebenso spricht die Tatsache, dass Hautsch 13 Jahre (!) später immer noch auf den Ledererbrand verweisen muss, um Werbung für sein (überlegenes?) Produkt zu betreiben, nicht zwangsläufig für mangelhafte oder technisch überholte Spritzwerke in der Stadt. Der geschäftstüchtige Meister Hautsch war übrigens von der Wirksamkeit seiner Feuerspritze so überzeugt, daß er allen Ernstes an Herrn Friedrich Volkamer von der Peunt (Städt. Bauhof) das Ansinnen stellte, „er mögte ihm doch ein ganz neues Haus bauen lassen, damit solches hernach mit allem Fleiß angezündet und mit seiner Wasserkunst wieder gelöscht werden könnte".

Neben seiner Überzeugung versuchte Hautsch zusammen mit seinen Söhnen (leider vergeblich) seine Feuerspritzen auch an Nürnberg zu verkaufen. Für seine Zeit warb er sehr geschickt und zukunftsweisend mit gedruckten (Kupferstich) Plakaten. Diese waren bebildert und im Text (siehe Bilder Spritze Hautsch) wurden seine hergestellten Erzeugnisse werbewirksam angepriesen, herausgestellt.

Heute wissen wir - in der der Werbung - das Eigene loben, das Andere, die Konkurenz herabsetzen, ein oft gebrauchtes unlauteres Mittel.

War denn nun eine Reform oder einschneitende Veränderungen in der Löschorganisation der Reichsstadt von Nöten? Nach Meinung des Autors nicht unbedingt. Die (obige) Betrachtung der damaligen Löschtaktik mit ihrer (sozial und technisch) begrenzten Fähigkeit, der schnellen und effektiven (Mobilisierungsdauer,Innenangriff) Flammenbekämpfung, veranlasst den Autor vielmehr dazu, die wirklichen Ursachen des Großbrandes an anderer Stelle zu suchen, nämlich in den bekannten und geschilderten Verhältnissen der Stadtgesellschaft des 17. Jh. Ein Versagen der Löschkräfte oder gravierende Mängel in der Löschorganisation (heute abwehrender Brandschutz) sind nicht erkennbar.

Spätere Brandkatastrophen (nicht nur in Nürnberg) belegen immer wieder (bis heute), dass vorausgegangene Versäumnisse, baulicher Natur z.B., von einer noch so gut funktionierenden Feuerwehr nicht ungeschehen gemacht werden können.

Diese Sicht schließt ein kritisches Beurteilen der Brandbekämpfer überhaupt nicht aus, verweist aber auf Fehlentwicklungen, die außerhalb Löscheinsatztes zu suchen sind.

Was noch zu erwähnen bleibt, ist die vom Rat abschlägig beschiedene Bitte einiger Geschädigter, die "in eine verschloßene püchßen samblen" wollten mit dem Hinweis, daß sie sich lieber "auff den Urheber Kundschafft machen und sehen, wie sie sich an selbigen erholen können". (StAN,Ratsverlaß 29.Juli 1645) 2 

Den Schuldigen an dem ganzen Elend scheint man nicht gefunden zu haben: Die folgende Ratsverlässe melden jedenfalls keinen Erfolg. 2

Oder lag es doch an der kriegerischen Zeit, welche die Trockenplätze der Lederer vor der Stadt verbot (sprich: Die Trockenstangen in und vor der Stadt störten nun) und deshalb die Gerber zu Hausumbauten zwang?

Lederer Haus 1645

Hat man es dann, im allgemeinen Mangel und der Kriegsnot, mit dem baulichen Brandschutz nicht so streng genommen?

 

Lederer Viertel

 

Leder, ein lebenswichtiger [Roh]Stoff, im Krieg wie im Frieden, da wurden schon einmal zwei Augen zugedrückt.

Wen wundert es noch, dass die Suche nach Schuldigen erfolglos blieb? 

Die Bilder stammen aus den "Nürnberger Altstadtberichte Nr. 27/2002"

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