Ringkaufhaus  " 17. Januar 1962 "

Aufsatz zur Geschichte des Feuerlöschwesens der Stadt Nürnberg

von Helmut Adler

Wir wollen ihnen hier einen Einblick in diesen Aufsatz bieten, der sich mit der größten Brandkatastrophe nach dem 2. Weltkrieg befasst. 

Wollen Sie die ganze Ausarbeitung lesen wenden Sie sich bitte über das Kontaktformular "Info" an uns.

Ringkaufhaus

INHALTSVERZEICHNIS
VORBEMERKUNG ; VOR DER BRANDKATASTROPHE; DIE ZEIT ;
DIE NÜRNBERGER FEUERWEHR ; DIE ÖRTLICHKEIT
DIE BRANDKATASTROPHE ; DAS SCHLICHTE EREIGNIS 
DIE TAGE DANACH ; ERSTE REAKTIONEN ZUM EINSATZGESCHEHEN 
DER ÖFFENTLICHKEIT UND DER PRESSE;
OBM, STADTVERWALTUNG UND STADTRAT ; BEI DER FEUERWEHR; 
ANDERORTS ; DER UNGLÜCKSVERLAUF 
BAULICHE VORAUSSETZUNGEN UND BETRIEBLICHE VERHÄLTNISSE 
DER BRANDAUSBRUCH UND LÖSCHVERSUCHE ; DAS VERHALTEN DER MENSCHEN
DER EINSATZVERLAUF ; DIE ALARMBEARBEITUNG;DER RETTUNGSEINSATZ
MIT DER DREHLEITER ; MIT DEM SPRUNGTUCH 
DER LÖSCHEINSATZ ; DIE KRITIK AN DEN EINSATZKRÄFTEN
DIE BEIDEN BRANDPROZESSE ; DIE ANKLAGE ; 
DIE BESCHULDIGTEN UND IHRE VERTEIDIGUNG ;
DIE FEUERWEHRKRÄFTE UND IHRE FÜHRUNG ; 
ZUM VB - NOTIZEN AUS DER GERICHTSVERHANDLUNG. 
DIE URTEILE UND DER WEITERE VERLAUF ; NACHBETRACHTUNGEN
SCHLUSSBEMERKUNG
 
Vorbemerkung

Warum, nach so langer Zeit, 37 Jahre sind seither vergangen, eine zusammenfassende Nachbetrachtung der bis heute schrecklichsten Brandkatastrophe Nürnbergs seit dem 2.Weltkrieg? Da ist zuerst einmal der Autor selbst der sich sehr genau erinnert, wie er mit seinem Vater, der auch lange Jahre beruflich Feuerwehrmann war, vor der Brandruine stand und sich mit den vielen weiteren Betrachtern vorzustellen versuchte, was tags zuvor passiert war. Die Gemüter waren erregt und es wurde heftigst debattiert und gestritten. Dem Interesse meines Vaters verdanke ich auch die zahlreichen Zeitungsberichte, welche sich über die Jahre mit dem ” Ringkaufhaus ” beschäftigten, sie bilden den größten Teil dieser Niederschrift.

 Da ist aber auch der Feuerwehrmann, welcher als Fußballer noch bis in die siebziger Jahre bei der Betriebssportgemeinschaft der Berufsfeuerwehr sich (viel zu) oft anhören musste:

Die Leit ’verbrenna‘ laß’n ,des kennt ihr,sunst nix. Dou schauh i blous des Ringkaufhaus oh.

Meistens war‘s dann mit Fußballspielen aus und man fuhr sich an die Gurgel. Ich habe als junger Feuerwehrmann erlebt, wie diese Brandkatastrophe bei meinen älteren Kollegen traumatisch nachwirkte und kann nachfühlen, wie es den eingesetzten Feuerwehrkollegen ergangen sein muss. Viele von ihnen kenne ich noch persönlich, an BD Zehleins und Einsatzleiter Neßlers Beerdigung war ich dienstlich vertreten.

Nach Durchsicht der Zeitungen (sie lagen lange auf meinem Speicher), welche sich alle mit den RKH beschäftigen, war es mein Anliegen zuerst und vor allem für mich selbst zusammenzufassen, festzuhalten, was sich aus meiner/unserer Erinnerung verliert. Warum vor allem für mich selbst?

Zum einem stellten sich mir die Fragen, warum über die Feuerwehr eine Welle der Kritik hereinbrach, die alle überraschte? Waren die Reaktionen der Zuschauer des Brandunglücks unberechtigt? Wurden den Löschkräften Versäumnisse vorgeworfen, die sie nicht zu verantworten hatten? Hatte die Löschmannschaft oder deren Leitung versagt? Zum Anderen aber s e h e ich gegenwärtig bei mir in der Dienststelle kein Interesse oder das Bedürfnis sich mit der Geschichte der Feuerwehr zu beschäftigen und ich denke nicht, dass eine selbstkritische Beurteilung der e i g e n e n Vergangenheit, trotz Planungen zur 125. Gründungsfeier der Berufsfeuerwehr für das Jahr 2000, bei den Offiziellen oder den Kollegen gewünscht wird.

Andererseits aber, wirkt ein Zeitgeist, welcher Geschichte nur noch in marktschreierische Werbesprüche hüllt, zur eitlen Selbstdarstellung instrumentalisiert und damit verkürzt und verkrüppelt, letztlich zerstört.

Ein selbst besinnliches Erinnern wird zunehmend ausgeschlossen und es wundert nicht, dass gerade ab 1933 die weißen Flecken in der Nürnberger Feuerwehrhistorie zahlreicher werden.

Schaut man sich die Chroniken und Jubiläumsschriften früherer Branddirektoren Nürnbergs an, so stellt sich die Frage warum es seit der Machtergreifung der Nazis, seit Sandbergs letzter Jubiläumschronik keine vergleichbare Niederschrift mehr gegeben hat?

Der Hinweis, mit der alten Central -Feuerwache am Kornmarkt wurde auch das Archiv der Feuerwehr durch Bomben zerstört ist nicht stichhaltig – nein- hier paart sich m.E. das Bedürfnis nach "nicht mehr wissen wollen" mit einer gewandelten Dienstauffassung, welche die historisch begründeten Inhalte des Feuerwehrberufes zunehmend aushöhlen und entleeren.

In dieser Entleerung offenbart sich auch ein Geschichtsverständnis, das nur dem Zweck der  Imagepflege dient. Das Produkt Feuerwehr soll ansprechend sein, das Leistungsangebot Menschenhilfe muss präsentiert und verkauft werden.

Diese Auffassung, diese Haltung der Feuerwehrführung aber auch vieler Beschäftigter wirkt nicht nur nach außen, sondern ebenso nach innen auf die soziale Kultur des Feuerwehrbetriebes und zeitigt Veränderungen, die ich nicht gut heißen will.

Bedauerlicherweise muss zur Kenntnis genommen werden, dass z.B. das alte Feuerwehrmotto: "Einer für Alle – Alle für Einen" nur noch in Sonntagsreden zitiert wird und bestenfalls der Selbstbeweihräucherung dient. Karriereorientierte, egozentrische Technograten greifen Raum und „Alles für mich“ beschreibt deren Verhalten präziser.

Der Feuerwehrberuf wird zunehmend nicht mehr deshalb ausgeübt, weil z.B. Menschen in Notlagen geholfen werden soll, sondern man preist sich „als Mädchen für alles“, verkauft sich als Anbieter einer (Dienst) Leistung, selbstverständlich innovativ, effizient, marktbewusst und ich befürchte, dass diejenigen Feuerwehrmänner, die sich auch aus ihrer Geschichte heraus begreifen und deshalb selbstständig, selbstbewusst handeln, nur noch als störende Belastung empfunden werden.

Der Einzelne, das Individuum, der Stolz des Handwerkers auf seine Arbeit, auf sein Werk,mdies alles scheint vergangen oder anders ausgedrückt, entwertet. Die Apparatur, die Strukturenmsowie die Beliebigkeit des Tuns, das Produkt als solches wird zur bestimmendenmÄußerungsform, auch der „Dienst am Nächsten“ verfällt zunehmend der Kommerzialisierung.

Erfreulich, dass ein Kollege, Leiter der Bildstelle, Horst Gillmeier z.Z. bemüht, ist eine Chronik der Nürnberger Feuerwehr zu schreiben, zumindest aber die vorhandenen Unterlagen zu archivieren und somit der Nachwelt zu erhalten, ob dies gelingt, darf vorerst gehofft werden, sicher erscheint es mir nicht. Ihm verdanke ich auch die Einsicht in die noch vorhandenen feuerwehrinternen Aufzeichnungen zum Ringkaufhaus (RKH). Bei diesen handelt es sich um eine Sammlung von Zeitungsberichten und Notizen, die wohl mehr das Werk Einzelner als eine zusammenfassende Darstellung der Dienstelle sein dürfte. Für mich war es schon erstaunlich, vom äußeren Zustand einmal abgesehen, wie eklektisch diese Zusammenstellung war und spätestens bei Sichtung dieser Unterlagen wurde mir nochmals klar, dass es nicht die Bomben waren, die eine Rückbesinnung erschweren, bzw. verhindern.

Auf die ausdrucksstarken Bilder der Presse muss in dieser Zusammenfassung verzichtet werden, obwohl sie (Filmberichte liegen mir nicht vor) neben den Zeugenaussagen und Leserzuschriften ein Bestandteil meiner Betrachtungen waren. Ebenso verworfen habe ich die Befragung von Zeitzeugen, viele davon pensionierte Kollegen. Es war ja auch nicht meine Absicht eine Dokumentation zu erstellen oder für die Dienststelle festhalten was eh‘ keinen interessiert und obwohl manchmal sehr umfangreiche Zeitungszitate mit eingefügt sind, möchte ich nur, die mir zugänglichen Zeitungsausschnitte mit meinen eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zu einer Nachbetrachtung verknüpfen, festhalten, deshalb lasse ich zuerst das schlichte Ereignis Revue passieren, um dann nochmals genauer auf die Vorgänge. Klarheit was wirklich geschah erlangten die Zeitgenossen auch erst nach den beiden Brandprozessen und den Aussagen Betroffener, Überlebender Häufig wird Feuerwehrgeschichte als technische Entwicklungsgeschichte begriffen unddargestellt, Bücher über FW- Fahrzeuge gibt es beispielsweise in Mengen, seltener dagegen findet man Veröffentlichungen welche der menschlichen, der sozialen Seite Aufmerksamkeit schenken. Diese Einseitigkeit wundert schon, denn gerade dieser Berufsstand trägt den Anspruch der Menschlichkeit auf seinem Banner, betrachtet, in Festreden allemal, das Wahrnehmen sozialer Verhältnisse, das Helfen, als wesentlichen Teil seines Berufsethos.

Auf diesen Widerspruch, auf die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit, die sich hier auftut, gehe ich nicht ein, möchte aber doch einer einseitigen Betrachtung entgegenwirken und meinem Geschichtsverständnis Ausdruck verleihen, sehr grob und allgemein zwar, aber den zeitgeistlichen Rahmen, den gesellschaftlichen Hintergrund mitbetrachten, denn Katastrophen wie der Brand des Ringkaufhauses sind immer auch Bühnen, auf denen die Menschen in ihrem Bewusstsein und aus der Prägung ihrer Zeit heraus handeln und reagieren. Vieles wird verständlicher, wenn wir uns vorher erinnern, in welcher Zeit dieses Unglück sich ereignete.

 

Die Brandkatastrophe

Das schlichte Ereignis

Ringkaufhaus

Es war ein Mittwoch, nicht kalt, der Wind kam schwach von Süden und langsam setzte der alltägliche Mittagsverkehr ein, als im Telegrafenzimmer der Feuerwache West (damals Hauptfeuerwache, Sitz der BD und Verwaltung) um 11.43 Uhr über Feuerwehr-Notruf 112 eine Frauenstimme mit den Worten „ Frauentorgraben 47 oder 49 dringt Rauch aus dem Keller  -ich höre Kindergeschrei " um Hilfe anrief. Zeitgleich teilt die Polizei über Direkttelefon der Feuerwache Mitte die Feuermeldung eines Funkstreifenwagens mit. Der Telegrafist gab wegen der einlaufenden Meldungen Großalarm, sämtliche Wachen der Berufsfeuerwehr rasten mit ihren Löschzügen zur Brandstelle.

Ringkaufhaus 1962

Aus dem Gebäude drangen dichte Qualmwolken und stiegen weit sichtbar in den mittäglichen Himmel. Bei Eintreffen der ersten Feuerwehr- Fahrzeuge, hatten sich schon mehrere hunderte, etwas später einige tausend Zuschauer eingefunden und mussten hilflos mit ansehen wie Menschen versuchten aus dem brennenden Gebäude, zu entkommen.

Ringkaufhaus 1962

Ein Turmwagen, der VAG der sich zufällig in der Nähe befand, er hatte auf seiner Arbeitsplattform etwa 6 Personen Zuflucht geboten, rollte den anrückenden Löschkräften der West-Wache entgegen.

Die gellenden Hilferufe der vom rettenden Ausgang abgeschnittenen Beschäftigten, die Martinshörner der heranfahrenden Lösch -und Rettungsfahrzeuge vermischten sich und sorgten für eine apokalyptische Szenerie, die ihre Wirkung auf alle Beteiligten hinterlassen wird. In ihrer Todesangst sprangen, die Armen aus den Fenstern und kamen vor allen Augen auf schrecklichste Weise ums Leben. Die Feuerwehrleute versuchten noch mit einem Sprungtuch die Hilflosen, die aus den Rauchwolken ihnen entgegengefallen kamen aufzufangen und zu retten, oft vergeblich.

Ringkaufhaus

Es wird im Weiteren noch über Details zu berichten sein, soviel zum Überblick: Vier Minuten nach Eintreffen der ersten Löschkräfte wurde aus dem Unglückshaus kein Lebenszeichen mehr vernommen. Die Feuerwehr versuchte nun verstärkt in das Gebäude einzudringen und pumpte Unmengen Löschwasser ins total brennende Lagerhaus, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass noch nach Stunden eine riesige Feuer- und Qualmsäule den Himmel über Nürnberg verdunkelte.

Ringkaufhaus 1962

Die nüchterne, doch unmenschliche Bilanz : 22 Tote und 9 Schwerverletzte

 

Die Tage danach

Die Titelseiten der Zeitungen erschienen mit dicken, schwarzen Trauerrändern, großen Bildern und fetten Schlagzeilen. Die ersten Seiten kannten keine andere Nachricht - ” Brandkatastrophe in einem Nürnberger Kaufhaus ”- die ganze Republik zeigte sich betroffen, das größte, schrecklicheste Unglück seit Kriegsende schockte die Öffentlichkeit.

 

NN vom 18.Jan. 1962

Die Stadt von der größten Brandkatastrophe seit Kriegsende betroffen: 20 Todesopfer

Öffentliche Trauer in Nürnberg

 Großfeuer im ehemaligen Ringkaufhaus, das als Lager diente und bis unter das Dach mit Waren gefüllt war - Panik im Flammeninferno: Menschen sprangen aus den Fenstern in den Tod - Tausende sahen zu, ohne helfen zu können - Außenmauern blieben übrig - immer noch Vermißte - die Ursache des Brandes bis jetzt nicht bekannt - Beileidstelegramme aus dem gesamten Bundesgebiet.

Die Fahnen in der Stadt wehen auf halbmast. Alle Vergnügungen sind abgesagt.

Nürnberg, das gestern von der größten Brandkatastrophe seit dem Bombenkrieg heimgesucht wurde,hat öffentliche Trauer angeordnet.

Bei einem Großfeuer, das fünf Stunden lang im früheren Ringkaufhaus beim Plärrer wütete, sind 20 Menschen ums Leben gekommen. Es wird jedoch angenommen, daß sich die Zahl der Todesopfer nocherhöht ...

 

NZ /Nordbayrische Zeitung 18.Jan.1962

Nürnberg im tiefen Leid

Eine entsetzliche Brandkatastrophe, die an die Verheerungen durch Bombenangriffe im zweiten

Weltkrieg erinnert, hat in der alten Reichsstadt Nürnberg mindestens 20 Menschenleben gefordert. Etwa 30 Menschen wurden in zum Teil schwerverletztem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Die endgültige Zahl der Toten war in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag immer noch nicht feststellbar. Die Stadt Nürnberg hat öffentliche Trauer angeordnet ...

 

8 Uhr-Blatt 18.Januar 1962

Größte Katastrophe nach dem Krieg

Der Frauentorgraben in Nürnberg erinnerte am Mittwoch an schwerste Kriegstage. Um 11.20 Uhr drangen die ersten Rauchschwaden aus dem ehemaligen Kaufhaus am Ring. Fünf Stunden wütete der Brand. In allen Stockwerken lagen verbrannte Menschen. Ob Frauen oder Männer, ob jung oder alt, konnte niemand erkennen. Die Körper waren auf Zwergengröße zusammengeschrumpft. Die traurigeBilanz: 20 Tote.

 

Im Inneren des Blattes

... Nürnberg, das Land Bayern, die ganze Bundesrepublik trauert um diese toten Frauen und Männern, die einem sinnlosen, grausigen Flammentod zum Opfer fielen. Menschliche Schuld? Wo will man sie suchen, wo will man sie finden? Die Staatsanwaltschaft läßt ihre Ermittlungen auf vollen Touren laufen, unaufhörlich sind die Beamten bei der Zeugenvernahme, heute, morgen und noch mehrere Tage. Erst dann wird sich ein ungefähres Bild vom Ausmaß der Brandkatastrophe im "Ringkaufhaus" am Frauentorgraben machen lassen ...

 

SZ NR.16

Die große Feuersbrunst in Nürnberg

Feuer und Rauch, die Todesschreie stürzender Menschen und das Wehklagen bangender Angehöriger ließen am Mittwochmittag das Leben im Zentrum Nürnbergs erstarren: Am Ring ging das Warenlager des Kaufhofs in wütenden Flammen auf. Im prasselnden Inferno fanden bis zum frühen Abend bereits 19 Menschen den Tod. Noch weiß niemand, wie die ehemalige Freie Reichsstadt in ihre größte Katastrophe seit Kriegsende geraten ist, noch weiß niemand, wie viele Tote das qualmende Skelett des einst vierstöckigen Hauses noch birgt, wie viele verletzt sind und wie groß der Sachschaden sein wird. Doch die Bilanz ist jetzt schon schrecklich und die Arbeit der Feuerwehr durch eine Tragik überschattet: Drei Menschen sprangen aus einem Fenster des vierten Stockwerks noch, während die rettende Leiter ausgefahren wurde. Während die neun Löschzüge der Stadt heranrasten und 27 Sanitätswagen vorfuhren, spielte sich vor den entsetzten Augen der sich stauenden Neugierigen das erste große Drama des Tages ab. An einem Fenster des vierten Stocks erschienen Menschen, schrien und winkten um Hilfe. Ein Mädchen rief gellend: "Hilfe, wir erbrennen." ... Da die Angestellten der Kaufhof -AG tagsüber ständig zwischen dem Kaufhaus und dem Warenlager hin und her pendeln, konnte auch die Verwaltung keine präzisen Angaben über die Zahl der Angestellten machen, die sich beim Ausbruch des Brandes im Warenlager befand. Hinter den Polizeikordons – der gesamte Verkehr war inzwischen umgeleitet worden - riefen Frauen weinend nach ihren Männern ...

 NZ vom 19.Jan.1962

Damit steht die Zahl der Opfer fest: 20 Tote und 10 Verletzte, von denen einige schwer verletzt sind. Im Laufe der vorletzten Nacht und in den gestrigen Vormittagsstunden konnte die Kriminalpolizei die Namen 15 bislang noch nicht identifizierten Leichen ermitteln. Bei diesen Opfern handelt es sich um die (den) 17jährige Ilona Lehner, 25jährige Gertraud Lochner,19jährige Helga Ruckdäschel,15jährige Hannelore Seemann,24jährige Rosemarie Radke,26jährige Hildegard Stückrath,45jährige Therese Strößner, 43jährige Anneliese Wilden,40jährige Karola Weihermüller,45jährige Betty Haffner,17jährige Edelgard Hobohm,25jährige Margot Hochberger,37jährige Gerda Köbler,43jährigen Horst Antoskiewicz, 31jährigen Norbert Mletzko. Die Namen der anderen fünf Toten wurden bereits gestern bekanntgegeben diese sind: Gertrud Dauer (34 Jahre alt), Hans Rausch (23), Jutta Willemsen (22), Hannelore Kumpf (21), Johanna Voigt (20).

 

Schaut man sich nur die Personalien der Opfer an, so ist die Betroffenheit in der Bevölkerung und das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen verständlich, es hätte der Sensationspresse gar nicht bedurft, wiewohl die Illustrierten Stern, Quick usw. mit Nähkästchenreportagen ihre Auflagen zu steigern suchten, aber auch die Tagespresse äußerte sich:

 

NZ vom 18.Jan.1962

Kommentar Seite 18

Schmerz und Trauer

Wir sind zutiefst erschüttert. Trauer und Schmerz legt sich auf uns und alles, was wir tun. Wer konnte heute nacht schlafen, nach solch einem Tag? Ich sah das Feuer, ich sah die Opfer, ich sah die Angehörigen. Ich sah aber auch das verzweifelte Bemühen von Polizei, Sanitätern und Feuerwehr, zu helfen, zu lindern, zu retten. Bitte ersparen Sie mir heute die Worte des Beileids - sie sind zu nichtig, sie sind zu viel Wort, zu wenig Tat. Ich bin noch fassungslos und sehe die blühenden Menschenkinder vor mir: 15 Jahre alt das jüngste Opfer. Mit uns trauert das ganze deutsche Land aber ist das ein Trost? Es wäre einfach, jetzt zu rufen und zu fordern: Her mit dem Schuldigen, wo sind sie, auf daß sie der Zorn und die Wut des Volkes fasse! ...

 

NZ vom 20.Jan.1962 Nr.16

Erschütternde Szenen spielten sich gestern bei der Trauerfeier vor dem Glockenturm im Südfriedhof ab. Die Gesichter der Anwesenden waren gezeichnet von dem unermeßlichen Leid, das ihnen widerfuhr, und der Anblick der zwanzig Eichenholzsärge traf jeden ins Mark.

Immer wieder mußten die Sanitäter mit der Bahre herbeieilen, weil die Erschütterung übermächtig war und Frauen und Männer ohnmächtig niedersanken. Es war zuviel. Noch einmal überkam die Hinterbliebenen die Erinnerung an die teuren Toten - der Blick in das Antlitz eines trauernden Buben bleibt uns unvergeßlich, des steinernen, bleichen Gesichts und mit ausgeweinten Augen auf diese schreckliche Welt der Erwachsenen starrte. Sicherlich ist seine Schwester oder gar Mutter unter den Toten.

Der Chronist wird stumm vor so viel Leid, und nur schwer fließen ihm jene Worte aus der Feder, die diesen äußeren Eindruck von Schmerz und Trauer künden. Es waren etwa zehntausend, die den Toten das letzte Geleit boten, die in großer Ergriffenheit und mächtig angerührt von dem großen Ernst der Stunde stumm mit den Angehörigen den Schmerz durchlitten ...

.

SZ ohne Datum

Das Streiflicht

(SZ) Mancher Münchner, der gestern um die Mittagsstunde den Marienplatz passierte, mag kurz gestutzt haben, als er von der Fassade des Rathauses die städtische Flagge mit einem Trauerwimpel wehen sah. Ach so, sagte er sich dann, das ist wegen Nürnberg. Dort würde die Trauerfeier für die Toten der

Brandkatastrophe stattfinden, und München trauerte mit. Der Oberbürgermeister selber war hinübergefahren: viel näher konnte das Unglück ja nicht einschlagen als in der fränkischen Schwester- Großstadt. Und wenn es auch immer ein Abklingen des Entsetzens und ein zur Tagesordnung- Übergehen bedeutet, dieses offizielle Trauern und Beflaggen der Amtsgebäude, so rief es doch die Erinnerung noch einmal zurück zu den schauderhaften Szenen am Nürnberger Ring. Zu den Schmerzensschreien der Verbrennenden, der Hilflosigkeit der Retter, der wie Zunder zergehenden Illusion, als gäbe es Sicherheit vor der Naturgewalt.

 

NN vom 22.Januar 1962

Gebete für die Toten des Brandes

In allen evangelischen Kirchen wurde Ihres Opfers gedacht.

...Als in den Hauptgottesdiensten der evangelischen Kirchen gestern für die Toten der furchtbaren Brandkatastrophe im früheren Ringkaufhaus gebetet wurde, hatte das Unglück sein 21. Opfer gefordert.

Im Krankenhaus war am Samstag um 11.50 Uhr der 57jährige kaufmännische Angestellte Felix Miehling Aus der Unteren Kanalstraße 17, gestorben. Miehling hatte sich beim Sprung aus einem Fenster zwischen dem zweiten und dem ersten Stock des Gebäudes an der Leber und an den Nieren schwer verletzt, - er war in der Klinik nicht mehr zum Bewußtsein gekommen. Noch eine weitere Frau mit Sprungverletzungen schwebt im Krankenhaus in Lebensgefahr. Die anderen acht Verletzten sind bereits auf dem Wege der Besserung ...

...Die Sorge um das Schicksal der Hinterbliebenen aller Opfer findet in immer neuen Spenden Ausdruck.

Der Erzbischof von Bamberg hat 5000 Mark gegeben ...

... Die Katholiken hatten bereits in ihren Abendmessen vom Donnerstag und Freitag der Opfer gedacht und für sie gebetet. Die Gemeinschaft der Siebenten Tags- Adventisten konnte bei einer Sonderkollekte 1047 Mark sammeln; dieser Betrag wurde auf das Sonderkonto bei der Stadtsparkasse überwiesen. Für die Hinterbliebenen, die am Samstag im Familienkreise von ihren Toten Abschied genommen haben, wird tatkräftig gesorgt. Im Hause der Berufsgenossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik, Frauentorgraben 47, wird heute zwischen 10 und 16 Uhr und morgen von 8 bis 16 Uhr den Hinterbliebenen von Angestellten des Kaufhofs von der Berufsgenossenschaft für den Einzelhandel Rat gegeben. Die Angehörigen der Opfer werden gebeten, die Personalpapiere mitzubringen ... ...In Nürnberg treffen indes immer neue Beweise des Beileids ein. Bei der Stadtverwaltung häufen sich die Kondolenzschreiben, die aus allen Teilen der Bundesrepublik eintreffen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses D. Kurt Scharf, Berlin, hat sein Beileid an den Nürnberger Kreisdekan Oberkirchenrat Dr. Eugen Ziegler ausgesprochen. In allen Schreiben werden die Stadt, die betroffene Firma und vor allem die Hinterbliebenen aufrichtiger Anteilnahme versichert ...

 

Der Bundespräsident, unzählige Repräsentanten des Bundes, der Länder und Kommunen, sowie Vertreter des öffentlichen Lebens kondolierten oder nahmen an der Trauerfeier teil.

... Der Vollständigkeit halber Schlusssätze des Brandberichtes eines deutschen Nachrichtenmagazins.

 

Der Spiegel Nr.53 vom 26.12.1966

Prozesse - Kaufhausbrand - Weg ohne Wiederkehr

... Derweil streiten fünf Jahre nach dem Desaster Brand -Blessierte und Hinterbliebene mit der Kaufhof AG noch immer um eine Entschädigung.

 

Wie ist zu erklären, dass tausende in der ganzen Republik ihre Betroffenheit zeigten? Auchdamals wurden im Straßenverkehr in einer Woche mehr Leben vernichtet als bei diesem Brand.

Die Verkehrstoten wurden hingenommen, dass Menschen im Feuer unter diesen Umständen umgekommen waren, scheinbar nicht akzeptiert. Was sprechen will und nicht kann, sucht sich meist einen Gegenstand, an dem es sich ausdrückt. Die Anteilnahme und die öffentliche Trauer bei der Beisetzung der Brandopfer ist sicherlich ein Beispiel hierfür, es hätte ja jeden treffen können bei der kollektiven Verrichtung (Arbeit und Konsum) und wenn wir schon daran nichts ändern können, auch keine Konsequenzen ziehen wollen, so rücken wir in der Stunde der Not w i e d e r enger zusammen. Hier wird auf den Boden eines gesellschaftlichen Zustandes dieser befragt, aber eben nicht in Frage gestellt.

Aktuelles
09.07.2017
Ebermannstadt
10:00 Uhr
DFS, Oldtimertreffen Schiene/Strasse

07.08.2017
Nürnberg
18:00 Uhr
Vereinsstammtisch in der Gaststätte Gartenheim in der Gartenkolonie Hintere Marktstraße gegenüber Hausnr. 7. Jeder Interessierte ist herzlich willkommen.

1505229
 
Impressum